Lubmin – Der vergessene Standort

Lubmin, eine kleine Gemeinde, in Mecklenburg-Vorpommern ist vorwiegend als beschauliches Ostseebad bekannt. Helle Sandstrände, Kliffküsten und idyllische Landschaften verheißen Erholung in schönster Natur. Ein unaufgeregter Ort, sollte man meinen. Doch es gibt auch eine andere Seite, die nicht oft erwähnt wird und deshalb unbekannt ist.
lubmin
Um diese unbekannte Seite besser zu verstehen, muss man fast ein halbes Jahrhundert zurück in die Geschichte gehen. In Lubmin entstand zu DDR-Zeiten nahe der Stadt Greifswald das größte Atomkraftwerk des Landes. Im Jahre 1973 ging der erste von fünf Reaktoren in Betrieb. Vier weitere Reaktoren wurden gebaut, doch Block 5, der im Jahre 1989 fertig gestellt wurde, konnte aufgrund von erhöhten Sicherheitsstandards nie ans Netz gehen. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung wurde im Jahre 1990 entschieden, das gesamte Kraftwerk abzuschalten, bei dem in Betriebszeiten ca. 10.000 Mitarbeiter beschäftigt waren. Derzeit wird dieses unter einem enormen Kostenaufwand wieder rückgebaut. Diese Demontage erfolgt in komplizierten Prozessen und ist langfristig auf mehrere Jahrzehnte angelegt.

Energieunternehmen und Politik wurden sich nach der Stilllegung in den 1990er-Jahren jedoch schnell einig, das Areal des ehemaligen Atomkraftwerks umzufunktionieren. Ab 1992 entstand ein ca. 20.000 m² großes Gebäude mit acht Hallenabschnitten für den Rückbau und die Zwischenlagerung von atomaren Abfällen der zwei ostdeutschen Atomkraftwerke Greifswald und Rheinsberg. Im Jahre 2005 erfolgte eine Erweiterung der Einlagerung von Atommüll aus den alten Bundesländern in das sog. Zwischenlager Nord für die oberirdische Lagerung von schwach,- mittel- und hochradioaktiven Substanzen.

Heute steht Lubmin stellvertretend für die Problematik der weltweit ungelösten Endlagerfrage. Während Wissenschaftler in den 1980-er Jahren noch davon ausgegangen waren, Atommüll hunderte von Metern unterirdisch wie z.B. in Salzbergwerken für die Ewigkeit zu lagern, hat sich dieser Weg als ungeeignet und unsicher erwiesen. Heute ist man immer noch auf der Suche nach sicheren Endlagerungsmöglichkeiten, die bis zu 1 Million Jahren halten sollen. Da diese noch nicht gefunden sind, werden die Zwischenlager zwangsläufig immer umfangreicher.
Nachdem im Zwischenlager Nord in den Jahren 2010 und 2011 bereits strahlender Abfall aus Frankreich aufgenommen wurde, gibt es im Jahr 2014 Befürchtungen, dass Atommüll aus dem englischen Sellafield aufgenommen werden könnte. Die Transporte der radioaktiven Fracht erfolgen per Schiff oder mit der Bahn in speziell angefertigten sog. CASTOR-Behältern. Der Name Castor kommt aus dem Englischen und ist die Abkürzung von “Cask for storage and transport of radioactive material“.

In der Vergangenheit sorgten diese CASTOR-Transporte für bundesweite Demonstrationen gegen die Atomtechnik, deren Unherrschbarkeit vielen Bürgern großen Anlass zur Sorge bereitet. Umweltschützer blockieren Straßen und Eisenbahnschienen. Gegner der Castor-Transporte machen sich einerseits Sorgen um das Entweichen von Radioaktivität, andererseits wissen sie um die Risiken von schweren unvorhergesehenen Unfällen, bei denen große Strahlungsmengen in die Umwelt gelangen können.
Die Proteste richten sich auch gegen die weitere Produktion von Atommüll und versuchen, ein Bewusstsein für die weitreichenden Konsequenzen der Atomkraft zu schaffen, damit der vollständige Ausstieg aus der Atompolitik vollzogen werden kann.

Deutsche Atomkraftgegner bekamen unerwartet Beistand durch die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im März 2011. Die schwarz-gelbe Regierung hatte im Anschluss daran acht der 17 deutschen Atomreaktoren abgeschaltet, da erkannt wurde, dass sich Atomkraft und deren Ausweitung politisch nicht mehr durchsetzen lässt, wenn eine stabile Mehrheit der Wähler dagegen ist. Dieser Atomausstieg soll stufenweise bis Ende 2022 erfolgen, doch bis dahin wird weiterhin neuer Atommülll produziert.
Das Beispiel Zentrallager Nord zeigt, dass die Politik auf Bundes- und Landesebene in Zusammenarbeit mit den grossen Energiekonzernen auf strukturschwache Gebiete wie Lubmin setzt, um diese Unmengen an Atommüll zu bewältigen.

Diese Standortpolitik erzeugt zwar bei der lokalen Bevölkerung zeitweisen Protest, doch es scheint so, dass sich die Bevölkerung von Lubmin und Umgebung damit abgefunden hat, in ihrem Hinterhof “den gefährlichsten Müll, den die Menschheit je produziert hat“, zu beherbergen . Es ist leise geworden um die brisante Lagerstätte seit den letzten Castor-Transporten im Jahre 2011. Zu dieser Ruhe dürfte auch der Umstand zu rechnen sein, dass es in der Lagerstätte bis zum heutigen Tag zu keinerlei Zwischenfällen kam. Die Atomruine wird ohne viel Aufsehen planmäßig abgebaut und eingelagert.

Inzwischen hat der Betreiber des Zwischenlager Nord eine zeitlich unbegrenzte Lagerung beantragt und so könnte aus dem Zwischenlager, das nur wenige hundert Meter vom Ostsee-Meeresspiegel entfernt ist, ein faktisches Endlager werden.

So ist es nicht eine Frage, ob Lubmin wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, sondern nur eine Frage des Zeit. Bis dahin lagert die unsichtbare Gefahr, von der wir auch nichts hören und spüren können, ruhig vor sich hin.